Die geheime Berufung von Social Media

„Ich weiß nicht, was ich posten soll!“ Viele, die in Netzwerken regelmäßig präsent und aktiv sind, werden diesen Stoßseufzer kennen. Die Ideen fehlen, scheinen nicht relevant genug zu sein oder zu wenig Mehrwert zu bieten.
Braucht es einfach noch einen Fortbildungskurs? Nein, ist die These dieses Artikels. Dieses Problem offenbart einen blinden Fleck, der nach einer neuen Perspektive auf die sozialen Medien ruft, die unsere Wissenskultur nochmals grundlegend verändern könnte ...

Bild: Gerd Altmann auf pixabay

Unsere Art der Social Media-Nutzung: zukunftsbewusst?

Die Weise, wie wir aktuell online kommunizieren, uns informieren und Wissen produzieren ist geprägt durch die weltanschaulichen Muster, die auch in der analoge Gesellschaft vorherrschen und deren Schattenseiten die Corona-Pandemie sehr deutlich gemacht hat. Dazu gehört das Ökonomisieren aller Lebensbereiche, das den Menschen als eine*n Nutzenmaximierer*in konstruiert, der oder die grundsätzlich getrennt von Mitmensch und Umwelt seine Interessen verfolgt. Diese fragmenthafte Welt- und Selbstwahrnehmung findet sich auch im Mediendiskurs:

1. Tatsachen und Themen diskutieren wir isoliert voneinander.
Im Netz steht alles nebeneinander: Was haben Online-News über das Abschmelzen der Polkappen, ein Post in einer Online-Community zum Thema Selbstliebe und ein Videotutorial über Upcycling gemeinsam? Aktuell nicht viel: Informationseinheiten bleiben fragmentiert stehen. Wir konsumieren sie als Häppchen, um uns kurzfristig zu zerstreuen und mitreden zu können. Legitime Bedürfnisse.

Aus einer kollektiven Perspektive kann der mediale Diskurs jedoch auch gesellschaftlichen Fortschritt vorantreiben, indem er uns neue Zugänge, die Welt wahrzunehmen, erschließt.
So führen vielleicht alle drei Wissensfragmente aus dem obigen Beispiel dazu, dass wir persönlich zukünftig nachhaltiger mit uns, dem Klima und unsere Ressourcen umgehen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sie im Strom der neu anbrandenden Eindrücke wieder verblassen. Vielleicht ändern wir uns, wenn wir es nur oft genug von diversen Seiten gehört haben – aber ist das schon zukunftsfähig? Wirkt diese Art der Wissensgenese – in einem entscheidenden Jahrzehnt, in dem jedes Jahr zählt, um gesamtgesellschaftlich das 1,5 Grad-Ziel einzuhalten – nicht zu ineffektiv, zu wenig eingebunden in einen lebendig sich entwickelnden Forschungskontext?

Nicht nur Fakten- und Orientierungswissen, auch eigene Meinungen und Perspektiven posten wir meist isoliert, provozieren Gegenrede und Gegenpositionen. Doch wo ist die Instanz, die diese Gegensätze in einem größeren Gesamtwissenszusammenhang integriert und zu neuen Erkenntnissen transzendiert, eine Einheit aus scheinbar unversöhnlich dastehender Vielfalt schafft? Viele Nutzer*innen sind in der Folge frustriert über „die Welt, wie sie ist“ und die „anderen, die nichts verstehen.“

Bild: Gerd Altmann auf pixabay

2. Weltgeschehen scheint sich unabhängig von uns zu ereignen.
Doch nicht nur die Facetten der Wirklichkeit draußen erscheinen separiert, sondern auch die Art und Weise, wie wir uns selbst in der Welt wahrnehmen. Viele konsumieren Nachrichten-, Posting- und Story-Ströme, re-agieren darauf mit positiven oder negativen Gefühlen, woraufhin sie kommentieren oder teilen. Auch die auf der anderen Seite, die die Informationen erzeugen (was ja oft in einer Person zusammenfällt), orientieren sich an Trends und bereits vorhandenem Content. Entwicklungen (wie die gegenwärtige Krise) scheinen uns zu „passieren“. Doch unser (Unter)Bewusstsein funktioniert schöpferisch. Mit dem, was wir denken, wie wir über uns urteilen, wie wir uns zu etwas verhalten beeinflussen wir jede Sekunde und jede Situation maßgeblich mit. Das, was wir aus jeder Information, die uns im Netz begegnet, machen, wird unsere Realität, und alles, was uns online wie offline begegnet, spiegelt unsere Einstellungen und eigenen blinden Flecke.

3. Der öffentliche Diskurs funktioniert als Geschäftsmodell.
Last but not least: Die meisten Medien sind innerhalb eines Marktes organisiert wie fast alle anderen gesellschaftlichen Dienstleistungen auch. Das, was mensch entscheidet und tut, unterliegt bestimmten quantitativen Zielen und Rahmenbedingungen. Wissen zu produzieren bedeutet, Gewinn zu erwirtschaften. Das Content Marketing, das auf Marktschreierei verzichtet und viele gute Inhalte kostenfrei für Nutzer*innen herausgibt, richtet den Blick zwar vermehrt auf die wahren Bedürfnisse der Nutzer*innen. Aber ist das schon zukunftsbewusst genug?

Negative Emotionen im Netz sind förderlich für das Geschäft (ebenso wie Krankheiten, Unfälle, Umweltzerstörung, Süchte, geringer Selbstwert und anderes in der analogen Welt). Es ist kein Geheimnis mehr, dass erzeugte Aggressionen und Angst förderlich für die Klickrate sind und viele Algorithmen allein dazu dienen, Traffic zu verstärken, egal, wie sinnvoll oder förderlich er ist. Das Design sozialer Netzwerke führt, auch das ist mittlerweile ausreichend bekannt, zur Bildung von Blasen, die Menschen in ihrem Frust bestärken und Populist*innen zur Macht verhelfen.

Neu zu denken, zu handeln und zu produzieren kann sich ungewohnt, sperrig oder unsicher anfühlen. Um Erträge kalkulieren zu können, braucht es aber die Sicherheit, dass sich etwas verkaufen lässt. Dementsprechend wird der Diskurs lieber reproduziert, statt Neues zu erschaffen. Quoten, Kennziffern und Klickraten sind entscheidend, daher tendiert mensch dazu, eher viel und eng getaktet zu produzieren sowie kurzfristig profitabel und in Einzelanstrengung als langsam, fundiert, lösungsorientiert, empowernd, vernetzt und nachhaltig. Aber was, wenn wir genau diese Form sanfter Wissensgenese brauchen, um uns gesamtgesellschaftlich zukunftsfähig aufzustellen?

Social Media als moderne Infrastruktur kann nicht anders, als sich nach den Paradigmen zu richten, nach denen auch die Gesamtgesellschaft funktioniert. Aktuell führt das dazu, dass wir Nutzer*innen und Produzent*innen häufig informationsüberflutet, emotional überfordert und orientierungslos sind, was diese Infrastruktur angeht, die doch gleichzeitig so viele Potenziale hat. Doch was, wenn wir alle erst am Anfang einer erstaunlichen Entwicklung stehen?

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Kann Social Media die kollektive Evolution fördern?

Was aber, wenn wir einmal auf das Web 2.0 aus einer Warte schauen, die sich nicht auf das Hier und Jetzt beschränkt? Was bedeutet es, dass dieses rhizomartige Geflecht aus Datenströmen sich immer enger auf den Planeten vernetzt? Die Vorteile liegen auf der Hand. Es bringt Menschen mit ähnlichen Interessen und Zielen zu Synergien zusammen, ermächtigt Einzelne, in dem es ihnen passgenau die Informationen bietet, die ihren persönlichen Vorlieben und ihrer Weiterentwickeln entsprechen und die sie im eigenen Tempo verarbeiten können, es macht Schwarm-Intelligenz möglich, funktioniert über Ort und Zeit hinweg, stellt Augenhöhe her und baut Hierarchien ab.
Aktuell dienen sie meist noch dazu, Skandalmeldungen zu verbreiten oder ein Foto des eigenen Frühstücks zu teilen. Doch vielleicht sind sie in Wahrheit die Infrastruktur des kollektiven Weltbewusstseins, das sich auf einem höheren Level zu organisieren begonnen hat, wie Neuronen eines jungen Gehirns, die sich enger, fokussierter und effektiver vernetzen. Was, wenn diese Technologien ein entscheidendes Instrument sind für die Entwicklung unseres kollektiven Bewusstseins, von dem abhängt, ob der Planet in einigen Jahrzehnten noch ein lebenswerter Ort ist?

Social Media for Future: Drei mögliche ‚Game Changer‘

1. Steigen wir auf open source basierte, kollektiv verwaltete Soziale Netzwerke um.
Viele Lösungen existieren seit Jahrzehnten in Nischen und werden stetig weiter entwickelt. Ließen sich für diese nicht mehr Förderungen, Infrastrukturen, Ressourcen zu Verfügung stellen? In einer andersartig als kommerziell funktionierenden Infrastruktur schlagen wir uns zwar noch mit technischen Herausforderungen und Interessenkonflikten herum, aber weniger mit hausgemachten Problemen wie ökonomisierte Algorithmen, die abhängig machen, um Werbeumsätze zu maximieren oder die negative Reaktionen bei den Nutzer*innen verstärken. Erschaffen wir langfristig und fundiert wissenschaftlich begleitet soziale Netzwerke, deren oberster Wert nicht Profitmaximierung, sondern sinnvolle, nachhaltige, effektive und effiziente Verbindung von Bewusstseinen und Information ist.

2. Nutzen wir Social Media nicht als Abfalleimer angestauter Emotionen. Schaffen wir dafür offline genug Raum!
Aktuell gibt es noch zu wenig Räume und Rituale, wo Menschen mit ihren täglichen, häufig verdrängten Gefühlen und Problemen regelmäßig und gemeinschaftlich begleitet umgehen können. Die Aggressionen, die in den Netzwerken hoch kochen, sind nicht verurteilenswert, aber deplatziert: Sie müssen real gefühlt statt digital ausgelebt, toxisch kanalisiert oder auf andere projiziert werden.

Dafür braucht es jedoch analoge Orte und Praktiken: Gefühlsarbeit, Konfliktarbeit und Meditationsroutinen müssen common sense werden, dann werden auch die Ungleichgewichte im Netz weniger und Körper, Herz und Kopf werden frei für konstruktive Bewusstseinsentwicklung. Jemand, der emotional in Balance ist, weil er sich gesehen fühlt, postet keinen Hass. Jemand, der sich nachbarschaftlich und gemeinschaftlich eingebunden fühlt in seinem Viertel, muss nicht jeden Tag Fotos seiner Katze an weit entfernte Freunde posten. Menschen muss es möglich sein, reale Nähe im Alltag zu finden – vor allem erst einmal zu sich selbst.

Das Netz wäre zudem nicht mehr primär der Ort, um sich selbst darzustellen und Likes für den eigenen Selbstwert einzusammeln, das heißt schlicht, gesehen zu werden – gesehen wird mensch dann im offline-Alltag und am Lagerfeuer, in Retreats, in Morgenritualen und Herzensrunden, in analogen und digitalen Konfliktlösungsforen usw.. Wahrscheinlich würden Gespräche im Netz unspektakulärer und langweiliger (weil sachorientierter) werden, und das wäre gut so – ist unser Alltag erfüllt mit echten, ausgelebten positiven und negativen Gefühlen, Beziehungen und allen Hochs und Tiefs, die dazu gehören, sind wir gut bedient.

3. Entdecken wir Soziale Netzwerke als Forschungsforen!
In diesen Foren ginge es – hier einmal wild spekuliert – darum, viele einzelne Informationen – sei es eine neue Methode, der Report über einen Missstand, ein Umfrageergebnis oder Resultate eines Onlineworkshops – systematisch zu verknüpfen mit einem größeren Forschungszusammenhang, der für die kollektive Bewusstseinsentwicklung relevant ist. Hier wäre selbstverständlich, dass jede Stimme aus dem Netz eine wichtige Facette des Ganzen ausleuchten kann, die keine andere der Stimmen erfasst. Es gäbe Leitplanken, was das Ziel einer jeweiligen Aktion oder Zusammenkunft ist, und es gäbe klare Strategien, wie mit den Ergebnissen, also Erkenntnissen dieses digitalen Diskurses – sei es eine Liste von Kommentaren, eine Zoom-Konferenz oder eine Gruppendiskussion in einem Forum – weiter zu verfahren ist und wie sie archiviert und öffentlich langfristig zugänglich gemacht werden kann. Somit würde auch die Social Media-Sphäre dazu beitragen, neue gesellschaftliche Lösungen auf zukünftige Herausforderungen wie zum Beispiel den Klimawandel zu finden. Und sie würde die Sphäre auch selbst verändern:

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Vier Eigenschaften einer Social Media for Future

1. Glaubwürdig & authentisch.

Authentizität liegt ohnehin im Trend. Fake News und Desinformation wären Vergangenheit. Nur Gespräche, die im weiten Sinne erkenntnisorientiert und authentisch sind, liefern kollektiven Mehrwert.

2. Nachhaltig.

Information entsteht nicht im luftleeren Raum: sie benötigt Energie. Können wir es uns langfristig leisten, global Milliarden Stunden Onlinegames und Videomaterial von lustigen Katzen zu streamen, wo es eigentlich darum geht, Emissionen herunter zu fahren? Es geht hier beileibe nicht ums Verbieten, sondern um ein gesundes Maß und die Frage: wann habe ich eigentlich zuletzt echten Katzenbabys beim Spielen zugeschaut und mich dabei kaputt gelacht? Wie kann ich mir das ermöglichen?

3. Progressiv-fokussiert.

Es geht um kollektive Weiterentwicklung. Das bedeutet, wertvolle Informationen und Ergebnisse aus unterschiedlichsten Foren und Dialogprozessen werden systematisch, vielleicht auch durch Algorithmen aufbereitet und kollektiv geteilt, sodass sie anderen zu Verfügung stehen, die dabei sind, Wissen von anderen Standpunkten her zu entwickeln.

4. Dialogisch.

Werden fragmentierte Themen und Positionen in einen Wissenszusammenhang gestellt, braucht es automatisch dialogische Räume und Fähigkeiten der Beteiligten. Diese werden, zum Beispiel unter dem Stichwort „Art of Hosting“ längst in Nischen eingeübt und praktiziert. Neue Erkenntnisse entstehen da, wo mensch zum Eigenen steht und sich traut, es im Licht des Anderen neu sehen zu lernen.

Die Zukunft hat begonnen

Diese lebendige Social Media for Future würde ein neues Level an Informationsaustausch ermöglichen, das uns kollektiv geistig und seelisch wachsen lassen könnte. Social Media nutzen würde weiterhin Spaß machen und bedeuten, sich zu vernetzen und interessanten Content mit Mehrwert zu teilen – nur eben mit weniger negativen Begleiterscheinungen und eingebettet in eine kollektive Weiterentwicklung eines Weltwissens, mit dem wir künftige Herausforderungen besser lösen werden können … damit künftige Generationen einmal auf dieses Jahrzehnt zurückblicken und sagen können: Nach Corona? Da hat sich unser kollektives Bewusstsein endgültig zu organisieren begonnen ...

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