Social Media – Chance für den Wandel oder Zerstreuung?

In Zeiten von Fake News und Desinformation ist die Art und Weise, wie wir im Netz kommunizieren, in den Fokus der globalen Aufmerksamkeit geraten. Push-Nachrichten folgen, Content liefern, Posts „scrollscannend“ konsumieren – die Aktivität, die wir entwickeln, wenn wir uns auf die Social Media Sphäre einlassen, ist unermüdlich und atemlos. Die Sphäre lebt, wie der Name sagt, vom Sozialen, vom Sehen und Gesehen-werden. Nachrichtenfragmente zirkulieren ebenso wie Lebensstile, Gefühle und Selbstdarstellungen, Aufregungs- und Anregungshäppchen für das eigene Leben. Auch das Thema „Gesellschaftswandel“ und „Nachhaltigkeit“ sind hier beliebt: Man tauscht vegane Rezepte aus, verbreitet Projekte des Gelingens und Tipps, wie man plastikfreier leben kann. Posten für die Weltrettung, das macht doch Sinn und ein gutes Gefühl, oder?

 

Fraglich ist, ob sich unsere derzeitige Informationsarchitektur wirklich dafür eignet, ein Bewusstsein für einen tiefgreifenden Wandel anzustoßen. Nachhaltig leben – das heißt im aktuellen Diskurs um Postwachstum und Co. Auch, „suffizienter“ zu leben. Das bedeutet, dass das Leben „langsamer, weniger, näher und persönlicher“ wird – nötig sind dann (nach W. Sachs) die vier E‘s Entschleunigung, Entrümpelung, Entflechtung und Entkommerzialisierung. Theoretisch könnten das ernstzunehmende Ziele in der Mobilität, in Wohnen und Ernährung sowie in Bildungs-, Verbraucher- und Gesundheitspolitik werden, wobei wir natürlich noch weit davon entfernt sind. Eine Lebenshaltung, die dieser Suffizienzpolitik entspräche, würde etwa so aussehen: Ressourcen und Dinge wertschätzen, reparieren und wieder verwenden, die eigene Zeit mit Sport, Kunst, Sozialem u.ä. verbringen und weniger konsumieren, mit sich selbst unabhängig von äußeren Umständen zufrieden sein können, keine klassisch (post)moderne Angst mehr zu haben, etwas zu verpassen. Wenn wir uns kollektiv in eine solche Haltung hinein entwickeln wollen (was ja aktuell erst von einer Minderheit angestrebt wird) – welche Rolle spielt dann unsere Art und Weise, uns zu informieren und zu kommunizieren?

 

Konkret gefragt: Kann man mit Push-Nachrichten User dazu bringen, fortan alles in Seelenruhe zu verpassen, was gepostet wird? Kann man mit Selbstdarstellungen, wie öko und trendy man ist, User dazu bringen, mit sich selbst zufrieden zu sein? Kann man mit Postings und Stories über Sport, Kunst und Soziales, die den Fokus auf die digitale Sphäre lenken und einen im Bann des Smartphones festhalten, die User dazu bringen, danach zu joggen, zu malen oder zu meditieren? Kann man mit Schnipseln und Fragmenten über Upcycling, die täglich neu erscheinen sollen bzw. müssen, die Nutzer*innen dazu bringen, für die nächsten zehn Jahre denselben Paletten-Raumteiler zu nutzen? Das alles ist überspitzt gefragt und offenbart schließlich nur das marktwirtschaftliche Paradigma des Höher-Schneller-Weiter, das den vier E‘s der Suffizienz diametral gegenüber steht. Wir brauchen Communities, sekündlich geteilte Informationen, Likes, Chatgruppen, smarte Algorithmen – die Frage ist nur wie immer: zu welchem Zweck?

 

Klar: Das Neue, den Wandel durch Social Media verbreiten hilft, es nährt ein neues Bewusstsein und neue gesellschaftliche Paradigmen, in die die Gesellschaft hineinwachsen wird. Aber es ersetzt nicht eine gewisse Ernsthaftigkeit, das Neue dauerhaft in den eigenen Alltag diffundieren zu lassen und den Reiz des Neuen nicht nur kurzfristig zu konsumieren und ihn zur Selbstdarstellung zu nutzen. Wir können noch zwanzig Jahre vegane Würstchenrezepte teilen, während die großen Schlachtfabriken endlos weiter produzieren. Wir können noch zwanzig Jahre lustige Geschenke aus PET-Flaschen nachbasteln, während die Meere vermüllen. Wir können noch zwanzig Jahre über Achtsamkeit bloggen, während wir uns selbst völlig überarbeiten.

 

 

Marktwirtschaftlich genutzt, fragmentieren die neuen Technologien oft unseren Geist, zerstreuen unseren Fokus, machen süchtig und/oder neidisch, nutzen unsere niederen Affekte und vereinnahmen wertvollen Lebensenergien, die wir eigentlich dafür bräuchten, unser gutes Leben selbst in die Hand zu nehmen. Eine „E“-Social Media in entschleunigter Form dagegen, die unabhängig von der marktwirtschaftlichen Logik wäre und eher in open source-Strukturen funktioniert, entwickelt und gewartet von Vielen – könnte sie uns nicht umso mehr ermächtigen, weil sie kein Selbstzweck, sondern Werkzeug für kollektive Bewusstseinsentwicklung wäre?