Frage dich: Warum arbeitest du?

Die folgenden Prinzipien sollen als Inspirationen dienen, das, was du persönlich mit „Arbeit“ bezeichnest oder lebst, ein wenig aufzuweichen und damit zu experimentieren. Dazu braucht es einen urteilsfrei wahrnehmenden Zugang. Es braucht die Geduld, neu über Arbeit und Leben denken zu lernen und das langsam auf die eigene Realität abzustimmen.

Denn: Solange die Angst zu versagen oder der Druck, uns ökonomisch zu verwerten, uns beherrschen, sind wir nicht frei (Habermann 146). Nicht entfremdet von dem, was man tut, zu sein, ist ein Prozess des Gebärens und Hervorbringens, die Beziehung zum Produkt bleibt aufrecht erhalten (Fromm 344). Laut Hartmut Rosa war eine Verheißung der Industrialisierung: mehr Zeit für alle.  Die kapitalistische Marktwirtschaft versprach so effizient zu sein, dass der ökonomische Existenzkampf irrelevant werden sollte. Noch in den Siebzigerjahren befürchteten Soziologen, dass wir auf eine Freizeitgesellschaft zusteuern, in der die Langeweile das größte Problem sein wird. Erstaunlicherweise ist es so nicht gekommen. In der heutigen Rhetorik heißt es immer nur, wir brauchen mehr Wettbewerb, arbeitet härter. Aber im großen Ganzen bestimmen drei große Prozesse unsere Gegenwart: die technische Beschleunigung, die Beschleunigung des sozialen Wandels und die Beschleunigung des Lebenstempos (Rosa, SZ).

Umso mehr ist nun ein anderer Umgang mit unserer Lebenszeit, ebenso wie mit unserer Arbeit angesagt – angesichts der Massen an Zeit und Energien, die wir in Bullshit Jobs und mit Tätigkeiten verbringen, die dazu dienen, Geld zu mehren, ohne dass es zu den Menschen zurückkommt, Dinge und Prozesse optimieren, die Leben nicht verbessern und Sachzwängen nachzulaufen, die wir nicht hätten, wenn wir lebensdienlich wirtschaften würden.

1. Frage dich, warum du arbeitest
Frage dich nach den Motiven, die deine Arbeit täglich antreiben, und dem Modus, zu dem sie führen. Welche möchtest du in deinem Leben haben?


Hier eine Liste generell möglicher Optionen:
Arbeiten nach Effizienzdenken mit Geldform: „Ich muss schneller arbeiten, weil ich dann auch u.U. mehr Geld verdiene und damit besser abgesichert bin gegen Prekariat.“
Effizienzdenken ohne Geldform: „Ich muss schneller arbeiten, weil ich sonst nicht gut genug bin, nützlich sein will, abends etwas geschafft haben will, etwas leisten will, denn ich muss leisten, um sein zu dürfen.“
Einsatz: Ich arbeite für jemanden: damit er sieht, wie aktiv und engagiert ich bin, wie ich mich für ihn einsetze etc. Dafür muss ich die Arbeit in jedem Fall sichtbar halten.
Achtsamkeit: Ich bin mit meiner Aufmerksamkeit ganz bei dem, was ich gerade tue. Es dauert so lange, wie es dauert. Ich habe keinen Grund, zu trödeln und keinen Grund, mich zu beeilen.
Körper: Ich arbeite nach einem Rhythmus, den mein Körper vorgibt: Ist er gerade müde? Dann lege ich mich hin. Ist er träge? Dann gehe ich raus oder beschäftige mich mit anderem.
Bedürfnisorientiert: Ich arbeite nach den Bedürfnissen, die ich in meinem Alltag vorfinde: Kommt jemand auf mich zu und will etwas von mir? Sehe ich, dass irgendwo Hilfe gebraucht wird, ein Commons Pflege braucht? Ich unterscheide dabei nicht mehr zwischen den Bedürfnissen anderer und meinen eigenen, ich schaue nur, dass sie im Gleichgewicht sind. Die Bedürfnisse der Gemeinschaft werden in meinen Plan genauso miteinbezogen (Essen, Pfand wegbringen, Feiern planen) wie meine eigenen Pläne (berufliche Projekte, Privateinkäufe, Wellness).
Intuition: Ich arbeite nach spontaner Intuition: was fühlt sich gerade richtig an, es zu tun?
Balance der Arbeitsformen: Ich arbeite im Bewusstsein einer Balance von Arbeitsformen: ich achte darauf, dass ich täglich jeweils verschiedene Tätigkeiten ausführe, die sich folgenden Bereichen zuordnen lassen:  Erwerbs- und Reproduktionsarbeit; Kopf- und Handarbeit; Arbeit für persönliche Pläne und für gemeinschaftliche Pläne; Arbeit draußen und drinnen; vergütete Arbeit und unvergütete Arbeit; Arbeit, für die die Motivation aus einer Notwendigkeit/Pflicht/Verantwortung entsteht, und Arbeit, die völlig aus eigener Motivation entsteht, etc.

Frage dich hin und wieder: Welche Haltungen finde ich sinnvoll?

2. Schaffe einen Ausgleich deiner Arbeitsformen!
Achte alle Formen von Arbeit gleich und nimm dir für alle Zeit. Ein Ansatz der Soziologin Frigga Haug, die Vier-in-Einem-Perspektive, weist hin auf viele notwendige Tätigkeiten in der Gesellschaft, die keinen ökonomischen Profit wie Erwerbsarbeit einbringen. Dazu gehören zum einen fast alle Arbeiten, die zwischenmenschlich geschehen („Reproduktionsarbeit“), immer noch meist unentgeltlich von Frauen. Sie betreffen alle Fragen, wie wir miteinander, mit Kindern, Alten, Kranken, uns Nahestehenden usw. umgehen.

 

Es geht aber auch um Subsistenz, wie sie auch etwa in der Postwachstumsökonomie eine große Rolle spielt, das heißt, Arbeit für die eigene Nahrung und den Erhalt des eigenen oikos. Weitere Arbeitsformen sind alle Tätigkeiten, die wir zur Entwicklung unserer menschlichen Fähigkeiten benötigen: Lebenslanges Lernen, die Entwicklung aller Sinne und der Kultur (also eine Art Eigenarbeit) und das Mitgestalten des sozialen und gesellschaftlichen Umfeldes (eine Art Gemeinwesenarbeit). Haug zufolge sollte jeder Mensch in die Lage versetzt werden, sein Leben so einzurichten, dass er oder sie je vier Stunden in jedem dieser Bereiche pro Tag verbringt. Für den Anfang kann es aufschlussreich sein, den eigenen Tag in entsprechende Zeitfenster für diese Formen verschiedener Arbeit einzuteilen, um sie alle besser wertschätzen zu lernen. Das ist vermutlich nur eine Brücke hin zu einer ganz neuen Form von Alltags- und Weltwahrnehmung, in der es keine Rolle mehr spielt, ob etwas als „Arbeit“ bezeichnet werden kann oder nicht, da alles wieder seinen Sinn hat und nicht bewertet wird. „Arbeit“ als Begriff stellt schließlich immer eine Abstraktion vom Leben dar!
Was also, wenn ich morgens aufstehe und, nach dem Waschen und Essen, mich an den Schreibtisch setze/zur Arbeit gehe, nicht in einer Haltung: So, jetzt kann es endlich losgehen, jetzt beginnt die verwertbare Zeit, sondern: So, das ist jetzt die nächste Aufgabe an diesem Tag, der nächste Abschnitt. Kein Grund zu hetzen.

3. Gewichte gelingende Beziehungen höher als Profite durch Arbeit, auch in der Arbeit
Nimm die Gestaltung deines sozialen Netzwerks (falls du das nicht ohnehin schon tust) genauso wichtig wie die formale Organisation eines Arbeitsplatzes. Gebe hier Energien hinein, die Stabilität für andere schaffen. Halte dich hier an das Prinzip der Gabe: Sie ist ein Vorschuss, ein Überschuss an Vertrauen, der jemandem entgegen gebracht wird. In ihm liegt immer das Risiko, nicht anerkannt und nie erwidert zu werden. Allein diese Freiheit schafft das Fundament gelingender Beziehungen.(Adloff 2018)
Achtung: Soziale Beziehungen höher zu gewichten als ökonomische Sicherheit heißt NICHT, einfach nur aus jeder geldvermittelten Beziehung eine intime Beziehung (i.S. von freundschaftlich, emotional, herzlich etc.) zu machen. Zur Frage, ob wir Intimität gesellschaftlich häufig missverstehen, hat Richard Sennett kluge Analysen vorgelegt.


Es heißt dagegen, im Bewusstsein wechselseitigen Inter-Seins (vgl. hier Eisenstein 2013) das ganze Spektrum der Vielfalt an Austauschbeziehungen anzunehmen und auszuleben, das es im menschlichen Erleben/ Miteinanderleben geben kann. Diese Vielfalt ist größer als sie im kapitalistischen System ausgelebt werden kann, in dem man mit Menschen meist fest definierte romantische Paar/Liebesbeziehungen, Erwerbsarbeitsbeziehungen, Nachbarschafts-, Familien- und Freundesbeziehungen hat.
Würde sich die Art der Austauschbeziehungen, die Qualität der Beziehungen ändern, wenn sie in einem anderen Rahmen von Arbeit entstehen? Wenn sie nicht länger geldvermittelt stattfinden, sondern man die Menschen gut kennt, die das eigene Brot, die die genutzten Traktoren und die eigene Kleidung herstellen? Würden sie quantitativ, qualitativ, in die Tiefe/Breite wachsen? Würden sie auch mit Menschen entstehen, die einem in verschiedenen Dimensionen weniger ähnlich sind?


Gelingende Beziehungen haben nichts damit zu tun, dass eine Gabe, sei es ein Vorschuss von Vertrauen, sei sie ein Geben von Fertigkeit, Ressourcen oder Wissen, direkt erwidert wird. Sie haben demnach auch nichts damit zu tun, ob die Beteiligten gleich viel Wissen, Ressourcen etc. zu vergeben haben. Das „Immer-wieder-beim-Anderen-in-der-Schuld-Stehen“ schafft erst Räume über die Zeit hinweg, die die Verbindung halten, anders als beim Tausch, nach dem man quitt auseinander geht.

Fakt ist: Tritt dein Gelddenken in den Hintergrund, treten Menschen in den Vordergrund. Verliere dich nicht selbst, aber behalte im Hinterkopf, dass die anderen deine natürliche Lebensgrundlage sind, diejenigen, für die du arbeitest, mit denen du arbeitest, deren Verhältnis und Welten Gegenstand deiner Arbeit sind. Gib Menschen das Gefühl, ein Fels in der Brandung für sie zu sein.

4. Halte deine Leistungsorientierung (d.h. Professionalität) nur da aufrecht, wo nötig

Leistungsorientierung ist dienlich, keine Frage. Allerdings übertreibt es der homo oeconomicus in uns. Ihr ursprünglicher Zweck war es irgendwann einmal, eigene authentische Bedürfnisse zu erfüllen oder die anderer. Der Wunsch, zu leisten und nach Professionalität zu streben, ist kein Selbstzweck, er ist Ausdruck davon, dass man seine Sache für das Ganze gut machen will, dass Fehler keinem unnötig schaden. Punkt. Lasse ihn nicht aus Bedürfnissen nach Perfektion oder Sicherheitsfanatismus entstehen. Frage dich lieber, woher diese Bedürfnisse kommen. Lerne zwischen beiden Formen von Leistungsorientierung zu unterscheiden. Warum machst du „Projekte“ und „Orga“?
Soziale Beziehungen höher zu gewichten als geldvermittelte Beziehungen heißt NICHT, unprofessionell oder dogmatisch unproduktiv zu sein oder es bleiben zu wollen. Es heißt nur, nicht ein unreflektiertes Axiom der Wert-, Arbeitspensum- oder Profitsteigerung im eigenen Leben folgen zu wollen.

Das heißt auch, anzuerkennen, wie eingeschränkt die Reichweite der eigenen Fähigkeiten ist und dass ein gutes Leben eine Bandbreite an Fähigkeiten in unterschiedlichsten Dimensionen erfordert, von denen jede*r nur einen Teil einbringen kann. Es sollte jedem frei stehen, zu entscheiden, wo er bestimmte Expertisen ausbildet und wo er sich auf andere verlässt, er/sie sollte sich dabei auch umentscheiden und weiterentwickeln können dürfen. Er sollte sein Fähigkeits- und Wissens­spektrum auch den Lebensphasen anpassen können, in denen sie besonders gefragt sind.


Sich in existenzieller Weise auf andere und nicht das Geld zu verlassen, heißt auch, den Anderen in seiner ganzen Biografie und Person wahrzunehmen und bereit zu sein, mit seinen Konflikten umzugehen ebenso wie mit den eigenen, die er/sie in unterschiedlicher Weise hervorruft. Denn um sich gegenseitig tragen zu können, müssen Konflikte konstruktiv thematisiert und gelöst werden können. Das bedeutet aber, dass weniger Energien in bürokratische Abläufe, in Erwerb und die Haltung von Gegenständen/Besitz gesteckt werden müssen, aber mehr darin, mit Beziehungskonflikten umzugehen, andere zu verstehen, Austauschbeziehungen zu reflektieren, Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und darauf einzugehen. Die frei gestaltbare Zeit ist zu einem großen Teil Beziehungsarbeit. Das klingt zu anstrengend? Mag sein. Andererseits ist es wahrscheinlich, dass sobald der Fokus vom isolierten Ego hin zum Anderen und zum Dienen des Ganzen geht, das die eigene Lebensgrundlage ausmacht, die Konfliktlinien weniger relevant erscheinen, weil das Verbindende in den Mittelpunkt rückt, und das gute Gefühl mit dem eigenen Körper und dem eigenen Leben, wenn die eigenen Bedürfnisse erfüllt sind, immer neue Kraft zum konstruktiven Miteinander gibt.

5. Übernehme nicht wahllos Verantwortung, nur weil du dich dann besser fühlst.


»Bei genauerem Hinsehen wird man feststellen, dass beinah alles, was heute berufsmäßig an Arbeit verrichtet wird, menschen- und naturschädigend ist", sagt M. Gronemeyer (2009).
Wir brauchen Arbeit, weil wir gebraucht werden wollen und uns entfalten wollen. Dazu übernehmen wir Verantwortung. Dieser Zustand wird zu einem eigenen Wert, nach dem viele zu streben scheinen, um schneller anerkannt zu sein.
Doch was bedeutet das eigentlich, „Verantwortung“? Wenn wir Arbeit neu definieren müssen, müssen wir dann nicht auch diesen Begriff neu definieren? Wer trägt Verantwortung und wer nicht, wer trägt sie vielleicht sichtbar, wer unsichtbar?
Wo viel Geld im Spiel ist, ist da automatisch viel Verantwortung?
Eine Arbeit kann hochgradig fordernd, stressig, zahlreiche operative und mentale Fähigkeiten beinhalten und aus einer Meta-Perspektive betrachtet – in Bezug auf ihre Sinnhaftigkeit und Lebensdienlichkeit – unnütz sein. Der Wert der eingesetzten Fähigkeiten des Individuums schmälert sich dadurch natürlich nicht. Es stellt sich aber die Frage: Haben wir schon einen Begriff für Verantwortung, der das Streben meint, lebensdienlich auf alltäglichen und abstrakteren Ebenen zu handeln? Was muss gegeben sein, dass man auch in diesem Sinn verantwortlich handelt?

 

Ist Verantwortung zudem hochgradig von dem Deutungssystem abhängig, in dem eine Gesellschaft handelt? Eine Altenpflegerin oder Ärztin dagegen hat direkte Verantwortung in ihrem Umgang mit Menschen – für die Gesundheit dieser Menschen. Das leuchtet ein.
Im Arbeitsleben liegt eine Verantwortung für Menschen meist in der Verantwortung, diesen Menschen das Geldverdienen weiter zu ermöglichen (Unternehmerverantwortung) oder im Familienleben sie durch Geld ernähren zu können. Alle anderen Verantwortungen – an Kindern keinen emotionalen Ballast abzuladen, sie nicht durch pädagogische Fehlgriffe zu schädigen, einen Konflikt in einer Gemeinschaft nicht eskalieren zu lassen, die Bedürfnisse seines eigenen Körpers wahrzunehmen und zu erfüllen etc. – werden viel weniger sichtbar. Vielleicht wird ihnen dadurch viel seltener nachgegangen als die Verantwortung, die in der Fürsorge durch Geld besteht?

Die Schäden, die in diesen Bereichen aus mangelnder Verantwortungsübernahme entstehen, äußern sich dann sichtbar wieder in Statistiken über psychosomatische Erkrankungen, Schulkonflikten, Kriminalität usw., für die wiederum erneut geldvermittelte Verantwortung von Polizisten, Jugendamtsmitarbeitern usw. übernommen werden muss.


Sollte Verantwortung übernehmen daher nicht in verschiedenen Dimensionen betrachtet werden? Übernimmt man vorschnell irgendwo für irgendwen durch irgendwas Verantwortung, weil dies kurzfristig Geld, Status und gutes Gewissen einbringt, ist es wahrscheinlich, dass übliche Formen von Verantwortung übernommen werden, die eher das geldvermittelte System stärken und reproduzieren, aber keine Verantwortung, die neue Beziehungsqualitäten und Arten, in der Welt zu sein sowie Lebenspraxen, die sich des drohenden Klimawandels und des nötigen Gesellschaftswandels bewusst sind, ermöglicht. Wer hat Verantwortung kommenden Generationen gegenüber? Wird sie kollektiv nicht übernommen, weil sie zu abstrakt für die Einzelnen ist?


Wie wäre es, deine persönliche Verantwortung für dein Umfeld und das gesellschaftliche „System“ langsam aus deinen persönlichen Anliegen heraus wachsen zu lassen?
Dies würde bedeuten, (auch) mehr auf den letztbestimmten Wert der eigenen Arbeit zu achten. Gibt es Verantwortungsformen, die sich langsamer entfalten, die nicht jeden Tag „auf der Arbeit“ sichtbar sind, geprägt durch eine Art Prozess- und Sinnverantwortung?
Dies bedeutet auch, unentlohnte Arbeit ernster zu nehmen, in der du ebenso professionell und wirksam arbeiten kannst.

Bilder: CC BY-SA 4.0, A. Locci. Europeana Foundation; CC BY 4.0, Wellcome Collection - https://wellcomecollection.org/works/pkqt98z5, Feng Gang
CC BY 4.0 Europeana Foundation, Science Museum London