Utopische Wissensarbeit, was ist das?

Im Grunde verstehe ich darunter, ausgehend von einem fiktiven Szenario (konkret meiner Romanwelt) Ansätze neuen Wirtschaftens und Zusammenlebens zu diskutieren und weiterzuentwickeln. Dies kann durch die Verfassende bei der Recherche und Konzeption geschehen, aber auch mit Leser*innen im Rahmen von unterschiedlichen Bildungsformaten, zum Beispiel der Utopischen Sprechstunde oder einem Gespräch mit jemandem, der für ein spezielles Thema eine Expertise hat.

 

Dies sind Denkansätze ganz unterschiedlicher Art und unterschiedlich neu bzw. bewährt, aus Bereichen wie Wirtschaft (etwa die Commons, Ideen einer Postwachstumsökonomie oder Regionalwährungen), Spiritualität (etwa Tiefenökologie, Integrale Theorie, buddhistische Lebenskonzepte), Psychologie/Pädagogik (Dragon Dreaming, Visionssuche, alternative anthroposophische und andere Bildungsansätze), Landwirtschaft (etwa Community Supported Agriculture, Permakultur, biodynamische Ansätze), IT und Technik (alternative IT-Plattformen und -Betriebssysteme, Konzepte konvivialer Techniknutzung, konkrete Ideen im Bereich erneuerbarer Energien, geteilter Mobilität, Cradle to Cradle etc.), Politik (Soziokratie, Konsent-Praktiken usw.) und viele mehr.

Wozu utopisch wissen?

Dadurch erhoffe ich mir, auch über das Manuskript hinaus das aktuelle Wissen über alternative Arten und Weisen, Gesellschaft zu organisieren, anzureichern. Dieses kann dabei aus ganz unterschiedlichen Quellen stammen: Philosophischen, ökonomischen, soziologischen u.a. Texten, Filmen, Recherchereisen, Gesprächen mit Praktikern, Erfahrungen aus dem Studienalltag u.a. Es ist sozusagen nicht nur faktisches Wissen über die Welt, sondern auch Orientierungswissen über Werte und Ziele sowie Praxiswissen, das nicht theoretisch lernbar ist.

 

Diese Zusammenhänge habe ich in meiner Masterarbeit mit dem Titel "Alternative Ökonomien. Zur transformativen Wissensgenese in literarischen Utopien" weiter beleuchtet; eine Leseprobe findet ihr hier.

Für die Arbeit habe ich mir die historische Entwicklung der Utopien und drei konkrete Texte (darunter mein eigenes Manuskript) angesehen und mithilfe eines Ansatzes aus der kognitiven Poetik daraufhin analysiert, welche Wissensformen wie integriert und vermittelt werden.

Da ein Roman als Simulation einer menschlichen Realität so umfassend ist, sind auch die behandelten Themen extrem zahlreich. Für meine Arbeit habe ich mir daher verschiedene Themenschwerpunkte gewählt, zu denen ich in den kommenden Monaten insbesondere arbeiten möchte:

1. Technikbewertung mit Schwerpunkt Digitalisierung. Beispielhaft findet ihr hier einen Essay von mir.

2. Philosophische Grundlagen/Architektur eines gesellschaftlichen Wandels/Wertesystems

3. Regionale Entwicklung: landwirtschaftliche Produktion und lokale Wirtschaftskreisläufe

Aus der Initiative der Schenkkampagne ergibt sich ein vierter Bereich außerhalb des Szenarios:

4. Alternative Finanzierungsformen für Bildung, Wissenschaft und Kunst

Wissensarbeit auf dem Cusanus Campus

Die Form von Arbeit ist nur möglich durch das besondere Umfeld hier. Im und um unser selbstverwaltetes Studierendenhaus herum versuchen wir, im Rahmen unserer Möglichkeiten bereits alternative Lebensformen auszuprobieren: gemeinschaftlich kochen, Miete und Essen als freiwillig-solidarischen Beitrag zahlen und konsensorientiert in Bezug auf das studentische Leben entscheiden, regionales biodynamisches Essen von einem Demeterhof in der Nähe beziehen, Open Source IT Lösungen nutzen, allem bei sozialökologisch engagierten Unternehmen einkaufen …

Nähere Infos zur Studierendengemeinschaft findet ihr hier. Einen Artikel über den Studienalltag/ die Hochschule gibt es hier.

Vor allem mein neuer Umgang mit Zeit und Geld hat mein Leben und meine Beziehungen zu anderen sehr verändert. Und auch nur so kann meiner Ansicht nach eine sozial verantwortliche Kunst und Wissenschaft entstehen.

Warum ist utopische Wissensarbeit nicht marktkonform?

Diese Art von Wissensproduktion braucht (eigentlich wie jeder Bildungsprozess) Freiräume. Denn dadurch, dass die Zeit frei zur Verfügung steht, dient das eigene Tun dem Prozess und nicht der nach Geldform getakteten Zeit. Nur so kann Zeit sich wieder so strukturieren, wie es dem Prozess dienlich ist. Die Tätigkeit dient dann nicht mehr kurzfristiger Rentabilität im betriebswirtschaftlichen Sinn, sondern strebt danach, möglichst lebendig zu sein.

 

Was bedeutet das? Es bedeutet in erster Linie, dass Zeitwohlstand eine Rahmenbedingung dieser Wissensproduktion ist. Dieser wiederum sollte in einem Arbeitsverständnis verwurzelt sein, das im Sinne der care-Ökonomie und ganzheitlicher Lebensphilosophien eine Balance aus verschiedenen Formen von Arbeit möglich macht. Kochen, hauswirtschaften, Beziehungen pflegen, künstlerisch tätig sein, Vereinsarbeit und Tätigkeiten, die die Gemeinschaft stärken wie Feiern und Rituale werden hier genauso gewichtet wie klassische Erwerbsarbeit. Denn: Zeit ist nicht Geld, sondern Leben!

 

Der künstlerisch-wissenschaftliche Dialog, das Umfeld, entwickelt sich im Laufe der Wissensproduktion als gleichberechtigte Sphäre zu den textlichen Resultaten und Erkenntnissen. Dies alles bedeutet achtsame Entschleunigung, aber in die richtige Richtung: Radikal ausgedrückt so, als würde man sich gemächlich mit einem Dreirad von einer Klippe (Klimawandel! Soziale Spaltung! Demokratiekrise! Ressourcenschwund!) wegbewegen, auf die man vorher im D-Zug zugerast ist.