Retten wir das Klima mittels Veranstaltungsorga?

Viele sprechen in diesen Tagen davon, dass die Corona-Maßnahmen das Leben entschleunigen und sich Menschen auf wichtige Werte wie Verbundenheit und Solidarität besinnen. Viele sehen sich in ihrer Existenz bedroht, weil Veranstaltungen abgesagt werden.

 

Sind das Auszeiten vom Business-as-usual? Oder können wir es als erste Aufwärm-Übungen für andere Formen verstehen, sich gesellschaftlich zu organisieren?

 

In jedem Fall ist es eine Gelegenheit, die Art und Weise, wie wir gesellschaftlich-strukturell Probleme lösen, grundsätzlich neu zu überdenken. Warum?

 

 

CC BY-NC-SA 4.0 Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Die aktuelle Klimaschutz-Strategie besteht größtenteils darin, Projektmanagement zu betreiben: Neue Technologien entwickeln, neue Marktinstrumente zum Emissionssenkung einführen, Klimaschutzrojekte beantragen, abwickeln und dokumentieren. Die Energien, die die jeweiligen Akteure dabei mobilisieren müssen, sind im Wesentlichen welche, die der rationalen Sphäre angehören: Kalkulation in die Zukunft, auf Ziele in der Zukunft hinarbeiten, auf einen Schlag viel leisten bis zu einem offiziellen Abschluss, quantitativ Erfolge messen. Dabei kann man sich als Change Maker, Pionier, Vorbild und Organisationstalent erproben – aber viele mögen sich mitunter auch abwesend-verkopft, aktionistisch, kontrollfixiert und bewertet fühlen. Sie sind ungeduldig, weil ein Erfolg sich nicht einstellt oder haben grundsätzlich Angst, zu versagen; sie sind mehr mit Dokumentieren beschäftigt als sich darum zu kümmern, wie das Klimaschutzprojekt wirklich nachhaltig weiter wirken kann, oder sie fühlen sich erschöpft, weil das Multitasking zu viel geworden ist oder zu lang andauert. Und ist das Projekt vorbei, stellt sich keine rechte Zufriedenheit ein, weil direkt ein neues Ziel am Horizont wartet … In dieser Sphäre des „Rödelns“ zählt man die Zeit und zählen Zahlen und messbare kurzfristige Erfolge.

 


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Kreative Prozesse beinhalten verschiedene Phasen: Zuerst braucht es Offenheit, Leere, Nichts, dann das Visionieren, die Umsetzung und die Korrektur. Kapitalistische Verwertungssysteme sind sehr gut darin, die letzten drei Phasen zu optimieren. Nur mit der ersten Phase haben sie Probleme. Einfach mal zwecklos da-sein, Nichts tun, Nichts und Stille zulassen? Das löst Panik im ertragsfixierten Produktions-Geist aus.

 

 

Daher gibt es aktuell kaum Sphären, in denen dieses Nichts kultiviert wird und in denen man auf die folgende Art und Weise arbeiten kann:

 

Ein großer Teil der Zeit hat mit geduldigem Warten zu tun, man lässt entspannt die Dinge sich entwickeln und vertraut darauf, dass sie es tun; man handelt intuitiv und setzt sich Zielfristen nur, um weiter zu kommen, aber nicht, um sie einzuhalten; man kontrolliert den Prozess nicht, auch wenn man eine klare Absicht hat; man achtet darauf, dass es ein schöner Prozess ist, der einem selbst und anderen Freude bringt und Energie gibt. Das Jetzt-Wir-Hier zählt.

 

Das klingt eher utopisch und nun nicht nach klassischem Projektmanagement. Hier herrscht nicht die menschliche Ratio, sondern, könnte man sagen, der menschliche Eros.

 

CC BY-NC-SA 4.0 Julia Fuchte

Zur näheren Erklärung dieser Dynamik hier ein Bild. Der chinesische Bambus ist eine interessante Pflanze (wie P. Coelho in seinem Roman Aleph anmerkt): Nachdem der Same gepflanzt wurde, sieht man jahrelang nichts als einen wichtigen Spross. Unter der Erde jedoch entsteht in dieser Zeit eine komplexe, sich vertikal und horizontal ausbreitende Wurzelstruktur. Irgendwann jedoch schießt die Pflanze in kürzester Zeit bis zu einer Höhe von 25 Metern auf. Wow!

 

Stellen wir uns vor, die Pflanze sei eine Lösung für den Klimaschutz.

 

Jede*r, der oder die sich diesem Phänomen mit den oben beschriebenen rationalen Energien nähert, die gezielt nach Vergangenheit und Zukunft fragen, kontrollieren und beschleunigen wollen, würde nach wenigen Wochen schreiend wegrennen: Der Same bringt nichts als einen winzigen Spross hervor, und ohne Aussicht, dass es besser wird? Nicht einmal Dünger hilft? Wozu soll man hier noch bewässern, ist das nicht teure Ressourcen- und Zeitverschwendung?

 

Dann doch lieber wieder in die bewährten Pflanzen investieren, die kalkulierbar schnell wachsen, den berechenbaren Ertrag bringen und sich für reibungsloses Projektmanagement eignen.

 

Doch denken wir an die Krisen, die uns noch bevorstehen und die, die wir verhindern möchten, wie eine globale Erhitzung über 2 Grad. Dazu brauchen wir diese Art von Lösungen, diese tief wurzelnden und nachhaltig-hochschießenden Lösungen. Es ist mittlerweile eine Plattitüde, dass man Probleme nicht mit dem Denken lösen kann, das sie hervorgebracht hat: Die rationalistische Problemlösung kann ihre Folgen nicht mit sich selbst bekämpfen.

 

Aber was hat das nun zu tun mit all jenen politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, die Lösungen für die Klimakrise entwickeln möchten? Nun ja: Was, wenn wir nicht allein dadurch die Klimaerhitzung stoppen können, dass wir projektbasiert – also in einer rationalistisch organisierten Art und Weise – Konferenzen und Workshops veranstalten, Bestseller schreiben, Technologien entwickeln, Kampagnen planen, Studien durchführen und Demonstranten mobilisieren? (Denn damit ist doch ein Großteil derer, denen Gesellschaftswandel am Herzen liegt, beschäftigt.)

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Die einzige Richtlinie, um die oben angedeuteten Qualitäten beider Energiedynamiken in unserem eigenen Handeln ins Gleichgewicht zu bringen, ist unsere innere Stimme. Diese Stimme wird hörbar, wenn wir uns folgendes vorstellen:

 

Wenn niemand etwas von dir erwarten würde ... wenn du dir selbst oder anderen nichts beweisen müsstest ... wenn der Lebensunterhalt sicher gestellt wäre ... Was würde dich dann noch motivieren, welche Arbeit zu tun?

 

Aus den Initiativen, die aus dieser Haltung entstehen, können ausbalancierte Vorhaben hervorgehen – sei es in Projektform oder eben nicht – die sich langsam entwickeln dürfen, um am Ende umso effektiver zu sein.

 

Diese Zeiten allgemeiner Verunsicherung laden uns besonders zum Experimentieren mit dem Neuen ein: Was würde es bedeuten, gesellschaftliche Lösungen in Balance unserer Energien zu erschaffen – damit diese zu einer Balance im Außen, im globalen Ökosystem führen können? Stichworte für mögliche, bereits existierende Veränderungen sind regionales und gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften, solidarische Transition- und Nachbarschaftsnetzwerke, Achtsamkeitspraxis, Visionssuche, Upcycling, solidarische Altersvorsorge, Grundeinkommen u.v.m.

 

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Sie alle stehen weniger für fragmentierte Projekt-Orga als für ein nachhaltiges, resilientes, geerdetes Leben und Arbeiten im Einklang mit den eigenen Bedürfnissen: Sie vereinen Dynamiken von Logos/Ratio und Eros, unterschiedliche Geschwindigkeiten und Motivationen.

 

Und damit können wir jederzeit beginnen. Jede*r kann sein Leben jetzt schon dorthin entwickeln. Welche Form von Arbeit tut uns gut, wohin zieht es uns - jenseits der Klischees und Glaubenssätze in unseren Köpfen? Viele Erwartungen des Außen erweisen sich häufig als Projektionen, viele Ängste als unbegründet. Widerstand wird es geben, aber wenn wir z.B. durch Meditation lernen, in unserer Mitte zu bleiben, wird er irgendwann abebben, weil sich das Umfeld daran gewöhnt.

 

Am wichtigsten jedoch: Immer geht es dabei darum, ob uns persönlich ein neuer Ansatz, eine neue Lebensform zusagt und wir uns damit weiter und freier fühlen. Es geht nicht darum, sich zu einem „Gutmenschentum“ zu zwingen – diese Moralinsäure, die für schlechtes Gewissen und Vorwurfshaltung sorgt, ist ein Relikt aus den vergangenen Jahrhunderten, das wir auf der Reise in unsere lebenswerte Zukunft getrost über Bord werfen können.